Unser Tag begann heute gegen 9.00 Uhr mit einer Fahrt nach Sendai, einer Stadt, deren Hafenbezirk durch den Tsunami schwer verwüstet wurde.

Auf der Strecke bot sich uns die Gelegenheit, einen kurzen Zwischenstop in der buddhistischen Tempelanlage Chūson-ji  einlegen zu können.

Wir wurden sehr herzlich vom Abt des Tempels empfangen, der beim gestrigen Konzert in Ichinoseki unser Gast war.

Sehr schön, die ruhige Stimmung der Anlage zwischen uralten Zedernbäumen zu erleben.

So konnten wir (leider viel zu kurz) einige Tempel und Gebetshäuser besichtigen, unter anderem die in Japan sehr bekannte „Goldene Konjikido-Halle“ und die älteste erhaltene Nō-Bühne Japans.

Nach Weiterfahrt mit unserem Tourbus erreichten wir mittags die Stadt Sendai.

Unser Hotel wurde gerade erst vor zwei Wochen wieder eröffnet, bis dahin hatte es gedauert, die Schäden des Erdbebens zu beheben.

Am Nachmittag dann das Konzert in der Mototerakoji-Kirche – nach Aussage der Organisatorin Frau Kikue Wilhelm der zurzeit einzige bespielbare Saal der Stadt.

Die Kirche mit ihren ungefähr 500 Plätzen war so voll wie sonst nur selten, viele Besucher, unter ihnen auch einige evakuierte Familien aus den Küstengebieten, fanden nur noch in den Seitengängen Platz.

Wie so oft in den letzten Tagen wurden wir auch diesmal überaus herzlich empfangen, die Reaktionen auf unsere Musik sehr spontan und emotional.

Advertisements

Als wir heute früh 7.30 Uhr aufbrachen, führte unser Weg nach Kesennuma , einem Ort, der durch die Naturgewalten gleichsam doppelt getroffen wurde: Was der verheerende Tsunami nicht verwüstet hat, wurde zum Opfer riesiger Feuer, die durch in Brand geratene Öltanker entstanden waren.

Und so standen wir dann sprachlos und betroffen dort, wo vor ein paar Monaten noch das Zentrum einer kleinen lebendigen Küstenstadt war  –  in einer gespenstischen Szenerie.

 





Neben den völlig zerstörten Häusern der einstigen Bewohner und vereinzelten persönlichen Gegenständen auch ein großes Schiff,

durch die unvorstellbare Wucht des Wassers mitten ins Nirgendwo geschleudert.

Fast 1000 Menschen kamen an diesem traurigen Ort ums Leben.

Die Auswirkungen der schmerzlichen Ereignisse konnten wir auch in unserem ersten Tagesziel, der Shishidori-Mittelschule mit ihren etwa 220 Schülern spüren.


Fast 70 Prozent von ihnen verloren ihr Zuhause, sie wohnen jetzt mit ihren Familien entweder in Hotels der Stadt oder in Notunterkünften wie diesen, die teilweise gleich neben der Schule errichtet wurden.


Selbstredend ist an Normalität in einer solchen Situation nicht im Entferntesten zu denken, dennoch wollten wir versuchen, den Kindern mit unserer Musik ein wenig Freude und Mut zu geben, ihnen zeigen, dass wir mit dem Herzen bei ihnen sind.

Und so spürten wir während unserer drei Konzerte in einem kleinen Klassenraum dann auch die Freude der Kinder und Lehrer, für kurze Zeit – und sei es auch nur für eine halbe Stunde – ihren momentan sicher manchmal sehr bedrückenden Alltag aufzulockern zu können.



Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass auch diesmal nach den Konzerten kleine Geschenke und Süßigkeiten als Geste der Deutsch-Japanischen Freundschaft gern angenommen wurden.

Nach unserer Rückkehr nach Ichinoseki und kurzer Verschnaufpause am Nachmittag stand dann am Abend noch ein weiteres Konzert in einem Hotel der Stadt an: auch hier sind viele Opfer der Flutkatastrophe untergebracht.

Nachdem wir uns mit zwei japanischen und deutschen Volksliedern für den überaus herzlichen Applaus beim Publikum bedankt hatten, bot sich nach dem Konzert noch die schöne Gelegenheit, mit ganz unterschiedlichen Besuchern des Abends ins Gespräch zu kommen, unter anderem auch mit dem Abt des Chuson-ji Tempels.

 

 

 

 

 

Fazit: Ein Tag, der Mut macht.

Morgens von einem Erdbeben der Stärke 6,7 geweckt zu werden gab uns noch keine Ahnung davon, was Natur in diesem Lande quasi aus dem Handgelenk für Verheerungen anrichten kann. Denn die malerische Gebirgslandschaft auf dem Wege nach Ofunato wurde jäh unterbrochen von Bildern aus der Apokalypse: aufgetürmte Autowracks, abgerissene Brücken, verbogene, riesige Stahlträger und 30 Meter hohe Berge von allem was einmal Häuser gewesen sein könnten. Dazwischen Schlamm und Reste von Wasserlachen. Keine Bäume, kein Grün, so weit das Auge reicht. Nur graue Trümmer. An den Gebäuden ist zu erkennen, dass das Wasser bis in den 4. Stock geflutet war, ca. 15 m – um genau zu sein. Niemand am Boden hatte den Hauch einer Chance, mit dem Leben davon zu kommen!

Überall arbeiten schwere LKWs, Baufahrzeuge und Polizei, die Straßen sind längst beräumt. Aber unglaublich und nicht vorstellbar ist, dass die Küste auf einer Länge von 360 km so aussieht. Natürlich geht das auch an den Menschen in dieser Gegend nicht vorüber ohne tiefe Spuren zu hinterlassen.

Die Kinder unseres heutigen Konzertes wirken ernst, fast traurig. Die Stimmung ist gedrückt und die Tränen sind nicht weit: während der Musik sowieso, aber auch, als die Direktorin ihre Situation beschreibt. Fast 250 Kinder ihrer Schule haben Eltern oder Verwandte verloren. Viele Erwachsene haben kein Haus und keine Arbeit mehr, da auch die Betriebe weitgehend zerstört sind. Eine Schülerin lernt Trompete. Das Instrument ist ihr geblieben, die Eltern und der Großvater sind umgekommen. Nun versucht sie, in der Musik Hoffnung zu finden.

Besondere Freude hatten die Schüler heute an den mitgebrachten Mützen. Im Trubel der Verteilung wurde es dann fast heiter. Jedenfalls für einen Moment.

Wir haben etwas von Leipzig erzählt, die Lehrer konnten den Text mancher Volkslieder auf deutsch (!) mitsprechen. Und wir wurden zum ersten Male direkt auf die 150-jährige deutsch-japanische Freundschaft angesprochen welche in diesem Jahr gefeiert wird.

Während der zweistündigen Rückfahrt ins Hotel haben wir uns darüber unterhalten, wie wir in Deutschland wohl mit einer solchen Situation umgehen würden. Wären wir ähnlich belastbar und solidarisch untereinander? Wohl kaum! So manche verbale Absonderung unserer gewählten Vertreter gemahnt im Angesicht der Ereignisse hier an Zurückhaltung und Bescheidenheit!

Am Morgen der Abreise aus Tokio mussten zunächst viele Kisten in den Bus verstaut werden. Geschenke von Airbus, Haribo und anderen wurden so verpackt, dass sie an den Schulen schneller und ohne Aufhebens verteilt werden konnten. Schließlich sollte die Musik im Mittelpunkt unserer kurzen Besuche stehen!

Dann ging es drei Stunden mit dem Bus nach Norden. Richtung Kooriyama in der Provinz Fukushima.

Auf der Autobahn nur ca. 40 km vom havarierten AKW am Pazifik entfernt.

Zwei Konzerte mit Antonin Dvorak’s „Amerikanischem Streichquartett“ (einem in Japan sehr bekanntem  Stück…) in zwei Schulen: einer Grund- und einer Mittelschule, zusammen fast zweitausend (2000!)  Kinder.

Das sind nüchterne Zahlen. Doch: welche Spannung in den schnell umgestalteten Turnhallen! Welche Ruhe während des Vortrages. In bewegenden Worten dankten Schüler und Lehrer, teilweise selbst von der Katastrophe betroffen, aufgenommen mit ihren Familien in den neuen Wohnorten. Große Dankbarkeit auch darüber, dass wir aus dem Ausland zu ihnen kommen. Gerade aus Deutschland, welches sich hier mit hysterischen Über-Reaktionen, unpassenden Belehrungen und Kommentaren in den vergangenen Wochen so manche Sympathie verspielt hat. Man merkt, dass die Menschen sehr wohl nicht nur materielle Hilfe brauchen, sondern vor allem Zuspruch und Verlässlichkeit.

Ganz allgemein beobachtet, geht hier jedoch das Leben fast wie gewohnt weiter. Nichts ist nach außen zu spüren von dem in unseren Medien beschriebenen Chaos. Das hatten wir schon im Mai erlebt: mal ist eine von 4 Rolltreppen ausgeschaltet oder die sonst üppige Reklame nach 22.00 Uhr gedimmt. Man reagiert gelassen und sehr verständnisvoll. Auch im Umgang miteinander! Die von uns als Geschenk mitgebrachten Mützen, Schlüsselbänder, Souvenirs und Süssigkeiten fanden bei den Mädchen und Jungen großen Gefallen. Die ganz Kleinen hatten ihrerseits ein paar Worte und sogar ein deutsches Volkslied einstudiert. Wir bedankten uns nach dem offiziellen Programm mit zwei japanischen Voklsliedern und der „Loreley“ als Zugabe.

Während unserer vielen Konzertreisen hierher, einer seit 4 Jahren bestehenden Gastprofessur für Kammermusik an der Gedai-University of Arts in Tokio haben wir immer herzliche Aufnahme gefunden, verbinden uns mit Land und Leuten viele Freundschaften. Wir sind froh, nun auf der einen Seite ein von Herzen kommendes, musikalisches Zeichen  zurück zu geben. Aber auch, diese Freundschaften nicht nur bei schönem Wetter mit Leben erfüllen zu können. In diesem Sinne schauen wir gespannt voraus: wie wird der morgige Tag verlaufen, führt er uns doch  in die vom Tsunami am stärksten betroffenen Teile des Landes?

Aus einer Idee wird Wirklichkeit…

Als wir, das Leipziger Streichquartett, von der Katastrophe in Japan hörten, waren wir tief getroffen. Wir sorgten uns sehr um unsere Partner und Freunde in Japan und wollten vor allem eines: helfen.

Nur 6 Wochen nach der Katastrophe vom 11. März sind wir nach Japan gereist, um an der Tokyo University of the Arts (Geidai) wie jedes Jahr als Gastprofessoren Kammermusik zu unterrichten und Konzerte zu geben. Mehr als 70% der internationalen Künstler hatten zu dieser Zeit Ihre Konzerte in Japan abgesagt. Auch wir haben kurz überlegt, ob man in dieser von den Medien überzeichneten Situation nach Japan fahren sollte. Unsere Bedenken wurden in vielen Telefonaten mit dem Deutschen Botschafter, Herrn Dr. Stanzel, Partnern und Freunden verstanden, aber auch zu großen Teilen ausgeräumt. Die Reaktion des japanischen Publikums nach unseren Konzerten hat uns sehr bewegt. Es war eine Mischung aus großer Dankbarkeit und Freude auf beiden Seiten, besonders darüber, überhaupt da zu sein.

Für uns war es eine Selbstverständlichkeit, während unseres Aufenthaltes in Tokio ein Benefizkonzert zu organisieren. Leider konnte dies in der Kürze der Zeit als auch aus diversen organisatorischen Gründen nicht realisiert werden.

Aus einer spontanen Idee, nochmals nach Japan zu reisen und direkt vor Ort für die Betroffenen zu spielen, jenen somit ein Stück Lebensqualität zu bieten, wird nun Realität. Dank dem Flugzeughersteller Airbus, der Deutschen Botschaft und dem Auswärtigen Amt finden in der Zeit vom 21.6.2011 – 27.6.2011 Konzerte an jenen Orten statt, in denen viele Betroffene Zuflucht gefunden haben.

Uns ist viel daran gelegen, ein anderes Bild von Japan zu zeichnen, als hierzulande dargestellt wird. Im japanischen Volk ist die europäische Musik tief verwurzelt – ihr Verständnis reicht manchmal weiter als zu Hause. Wir möchten mit unserem Beispiel auch alle Künstler ermuntern, wieder nach Japan zu reisen und Partnern und Freunden das Gefühl zu geben, bei und mit ihnen zu sein.

In diesem Jahr werden die 150-jährigen Deutsch-Japanischen Beziehungen gefeiert. Wir würden uns freuen, wenn diesem von Herzen kommenden Projekt allseits ein großes Interesse entgegengebracht wird.

Leipzig, den 17.6.2011

Pläne 2010/11

29. September 2010

Liebe Freunde des LSQ!

Wieder ist ein Jahr vergangen. Gerade zurück aus Luzern, wo wir als Teil des Lucerne Festival Orchestras Mahlers 9.Sinfonie unter Claudio Abbado aufführen durften, nutzen wir die Gelegenheit, ein wenig nach vorn zu schauen und das jüngst Erlebte Revue passieren zu lassen.

In der vergangenen Saison gastierten wir auf Tourneen in Japan, Kanada, Südamerika und den USA, während letztgenannter auch in der Carnegie Hall. In den europäischen Konzerten waren Partner wie das Klavierduo Taal & Groethuysen, der Bariton Stefan Genz und wiederum Christian Zacharias an unserer Seite. Mit ihm präsentierten wir zum Schumann-Jahr die Doppel- CD mit dem Quintett op.44 und den drei Quartetten op.41. Weitere Aufnahmen waren den sämtlichen Quartetten von Christóbal Halffter und Quintetten des Romantikers August Klughardt sowie drei Quartetten op.76 auf unserer Vol.3 von Joseph Haydn gewidmet. Eine Welt-Uraufführung war das Klarinettenquintett von Akira Nishimura welches wir mit Karl Leister auch auf CD eingespielt haben. Unser Meisterkurs für „Manager und Studenten“ erfährt seine dritte Auflage Ende Februar 2011, wieder im einzigartigen Ambiente des Hotels „Gräflicher Park & Spa“ in Bad Driburg, die Meisterklassen in Toronto und Tokio werden im Zeichen von Haydn, Brahms und Beethoven fortgeführt. Unser Beethoven Zyklus machte seine jeweils letzte Station zum Menuhin Festival in Gstaad, auf Schloss Elmau und rundet sich im Oktober 2010 mit sechs Konzerten an zwei Wochenenden im Leipziger Gewandhaus. Unser kleines Festival „Sommersprossen“ wird im Juni 2011 schon sechs Jahre alt, unsere Konzertreihe „PRO QUATUOR“ in Zusammenarbeit mit dem Gewandhaus in Leipzig hat ihren 20. Geburtstag.

Im nächsten Jahr kommen neue Länder auf uns zu: China, Uruguay und Argentinien. Zwei weitere Haydn Volumes folgen auf CD wie auch eine spannende Kooperation mit dem ensemble amarcord: Deutsche Volkslieder in Bearbeitungen von Silcher, Reger, Kässmeyer und anderen. Mahlers „Lied von der Erde“ in der Bearbeitubg für Kammerorchester von Rainer Rihn gehört zu den Vorhaben wie auch Konzerte mit Sol Gabetta und Menachem Pressler, letzteres im großen Saal des Amsterdamer Concertgebouw. Sehr am Herzen liegt uns unsere neue, ganz eigene Konzertreihe in der Berliner Philharmonie welche am 27.Oktober 2010 mit den drei Quartetten des Jubilars Robert Schumann startet.

Wir freuen uns mit all unseren Partnern und Freunden auf zwölf spannende Monate im 22. Jahr unseres Bestehens!

Ihr

Leipziger Streichquartett

Der Film „Leipziger Streichquartett – ein Porträt“ (hier ein dreiminütiger Ausschnitt daraus) ist im Dezember 2009 fertig gestellt worden. Die Kölner Firma carasana hat mit vielen Hintergrundbildern, Konzertausschnitten und biografischen Informationen ein halbstündiges Video in HD – Auflösung geschaffen, welches zunächst direkt bei uns gegen eine Schutzgebühr von 10.-€ bezogen werden kann. Frohe Weihnachten!