Tag 5: Wataricho, Miyagi Prefecture

26. Juni 2011

Als wir heute früh in Sendai abfuhren, wartete erneut ein Konzert an ungewöhnlichem Ort auf uns: der Abt des Shomioji-Tempels in Wataricho hatte uns eingeladen, bei ihm zu musizieren. Hauptsächlich für Betroffene einer der größeren Städte Japans.

Zuvor jedoch auf dem Weg dorthin wie leider so oft in den letzten Tagen wieder Bilder furchtbarer Zerstörung, diesmal in der Ortschaft Minamisoma, die direkt am Meer liegt. Man erklärte uns, dass die höchsten Spitzen der Welle in Teilen der Stadt hier eine Höhe von ungefähr 35 Metern erreicht hatten.

Dieses Gebiet konnte größtenteils noch nicht geräumt werden, und so bewegten wir  uns mit dem Bus im Schritttempo durch die Reste verlassener, unterspülter Straßen; der trostlose Anblick der völlig verwüsteten und mit Schlamm und angespültem Unrat bedeckten Häuser gab uns das beklemmende Gefühl, fast hautnah Zeuge der zurückliegenden Katastrophe zu sein.

Direkt am Meer trafen wir auch ein Kamerateam des ZDF welches an einem Beitrag über unsere Hilfsaktion für die Menschen in den Tsunami-Gebieten arbeitet und uns nach unseren Eindrücken zu den bisherigen Konzerten und Begegnungen befragte.

Später dann ging es zum Tempel nach Wataricho weiter, wo der Abt uns freundlich begrüßte, und – nachdem er uns ein wenig durch die Anlage mit seinem schönen Garten und den teilweise 700 Jahre alten Bäumen geführt hatte  – zu einer kleinen Teezeremonie einlud.

Schon während der folgenden Probe bemerkten wir trotz des Regens den großen Andrang des Publikums. Es war teilweise aus der weiteren Umgebung angereist. Und so war der stimmungsvolle Tempelraum beim anschließenden Konzert mit etwa 150 Besuchern dann auch übervoll.

Nach Mendelssohns Streichquartett op 13 und japanischen Volksliedern entließ uns das sichtlich bewegte Publikum erst, nachdem es sich noch zwei deutsche Lieder als Zugabe erklatscht hatte.

Nach etwa sechsstündiger Fahrt erreichten wir dann schließlich gegen 22:00 Uhr Tokio.

Die Deutsch-Japanische Gesellschft in Sendai dankte uns „als erster Gruppe ausländischer Künstler die das Krisengebiet musikalisch bereist hat“.

Man hört: sogar Lady Gaga arbeitet an einer Hilfsreise für Nord-Japan. Das ist doch mal was…

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2 Antworten to “Tag 5: Wataricho, Miyagi Prefecture”

  1. finnmk Says:

    Liebes Leipziger Streichquartett, danke für die Japan-Reise und die wundervollen Blogeinträge. Die Texte machen traurig, weil sie von den Folgen einer schrecklichen Katastrophe erzählen, sie machen aber auch Hoffnung auf eine Normalisierung in kleinen Schritten.

    Japan braucht jetzt genau solche Vertrauensbeweise wie die Reise von Künstlern in das Katastrophengebiet – und weltoffene Menschen, die sich den Zustand des Landes mit eigenen Augen ansehen, statt der ideologischen Verblendung einiger Medien zu folgen. Das ist wahrer Humanismus.

    Finn von Tokio-Total.de.

    • leipzigquartet Says:

      Hallo, ich freue mich persönlich sehr, dass Sie hier kommentiert haben. Ich habe Ihr Buch an einem Abend verschlungen, es gerade dem Kulturattaché an der Deutschen Botschaft, Herrn Gehrig, empfohlen und das Original gerade einer japanischen Austauschschülerin in Deutschland, einer Freundin der Familie, verborgt. Sehr informativ und mit Esprit geschrieben! Danke Ihnen dafür!


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