Tag 2: Ofunato, Iwate Prefecture

23. Juni 2011

Morgens von einem Erdbeben der Stärke 6,7 geweckt zu werden gab uns noch keine Ahnung davon, was Natur in diesem Lande quasi aus dem Handgelenk für Verheerungen anrichten kann. Denn die malerische Gebirgslandschaft auf dem Wege nach Ofunato wurde jäh unterbrochen von Bildern aus der Apokalypse: aufgetürmte Autowracks, abgerissene Brücken, verbogene, riesige Stahlträger und 30 Meter hohe Berge von allem was einmal Häuser gewesen sein könnten. Dazwischen Schlamm und Reste von Wasserlachen. Keine Bäume, kein Grün, so weit das Auge reicht. Nur graue Trümmer. An den Gebäuden ist zu erkennen, dass das Wasser bis in den 4. Stock geflutet war, ca. 15 m – um genau zu sein. Niemand am Boden hatte den Hauch einer Chance, mit dem Leben davon zu kommen!

Überall arbeiten schwere LKWs, Baufahrzeuge und Polizei, die Straßen sind längst beräumt. Aber unglaublich und nicht vorstellbar ist, dass die Küste auf einer Länge von 360 km so aussieht. Natürlich geht das auch an den Menschen in dieser Gegend nicht vorüber ohne tiefe Spuren zu hinterlassen.

Die Kinder unseres heutigen Konzertes wirken ernst, fast traurig. Die Stimmung ist gedrückt und die Tränen sind nicht weit: während der Musik sowieso, aber auch, als die Direktorin ihre Situation beschreibt. Fast 250 Kinder ihrer Schule haben Eltern oder Verwandte verloren. Viele Erwachsene haben kein Haus und keine Arbeit mehr, da auch die Betriebe weitgehend zerstört sind. Eine Schülerin lernt Trompete. Das Instrument ist ihr geblieben, die Eltern und der Großvater sind umgekommen. Nun versucht sie, in der Musik Hoffnung zu finden.

Besondere Freude hatten die Schüler heute an den mitgebrachten Mützen. Im Trubel der Verteilung wurde es dann fast heiter. Jedenfalls für einen Moment.

Wir haben etwas von Leipzig erzählt, die Lehrer konnten den Text mancher Volkslieder auf deutsch (!) mitsprechen. Und wir wurden zum ersten Male direkt auf die 150-jährige deutsch-japanische Freundschaft angesprochen welche in diesem Jahr gefeiert wird.

Während der zweistündigen Rückfahrt ins Hotel haben wir uns darüber unterhalten, wie wir in Deutschland wohl mit einer solchen Situation umgehen würden. Wären wir ähnlich belastbar und solidarisch untereinander? Wohl kaum! So manche verbale Absonderung unserer gewählten Vertreter gemahnt im Angesicht der Ereignisse hier an Zurückhaltung und Bescheidenheit!

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