Mittelschule in Ishinomaki

Mittelschule in Ishinomaki

Am vierten Tag sollten zwei Begegnungen auf uns warten, beide in der Stadt Ishinomaki. Am Morgen besuchten wir eine Mittelschule mit ca. 200 Kindern. Viele davon sind aus den wenige Kilometer entfernten und zerstörten Küstenregionen aufgenommen worden. Wir waren überrascht, wie gründlich sie sich auf unser kleines Konzert vorbereitet hatten: die Stücke waren Bestandteil des Unterrichts, Musikbeispiele und Erläuterungen dazu.

Kinzoji-Tempel

Konzertankündigung vor dem Tempel

Konzert im Kinzoji-Tempel

Konzert im Kinzoji-Tempel

Am Nachmittag fand in der Halle des Kinzoji-Tempels ein Konzert statt bei dem der Andrang so groß war, dass die Türen zum Vorplatz geöffnet werden mussten. Kein Wunder: In unmittelbarer Nachbarschaft wohnen noch immer etwa 4000 Betroffene in Behelfswohnungen. Man freute sich über die mitgebrachten Geschenke für die Kinder, eine vorher durchgeführte Sammlung ergab zusätzlich noch einen Betrag, welcher dem Aufbau einer Schule gestiftet wurde. Unsere Erinnerungen vom letzten Jahr in Wataricho überschnitten sich teilweise mit den Bildern von heute: Der Tempel, die Begeisterung, die lange anhaltende Stille nach der Musik.

Signierstunde unter freiem Himmel

Signierstunde unter freiem Himmel

Heute früh führte uns eine fünfstündige Busfahrt zur ersten Station des Tages, nach Naruko. Die Grundschule des kleinen Ort unterrichtet vorübergehend Kinder, die durch den Tsunami ihr Zuhause verloren haben. Die ganze Schule hatte sich versammelt und unser Konzert mit Teilen aus Mozarts Kleiner Nachtmusik und Mendelssohns Streichquartett op 44/1 wurde von den kleinen Zuhörern begeistert aufgenommen.

Anschließend wurden wir von den neugierigen Knirpsen mit allerlei Fragen gelöchert („Welches Obst esst ihr am liebsten, was ist eure Lieblingsfarbe, was euer Lieblingslied…” ) Im Gespräch mit dem Direktor der Schule, der selbst aus dem Tsunamigebiet kommt, erfuhren wir, dass viele Überlebende der Katastrophe sich wünschen, wieder auf den verwüsteten Flecken Erde zurückzukehren, der einmal ihr Dorf, ihre Stadt war – trotz all der furchtbaren Szenen, die sich dort abgespielt haben. Man plant nun allerdings größere Mauern gegen mögliche neue Tsunamis zu errichten und Häuser nur noch in höher gelegenen Gebieten zu bauen. Nach kurzer Pause fuhren wir in die nahegelegene Ortschaft Miyama, wo wir am Abend noch ein Konzert für unseren heutigen Gastgeber, den Betreiber eines traditionellen Ryokan-Hotels und seine Familie und Freunde gaben. Beim gemeinsamen Abendessen konnten wir dann einmal mehr hautnah Herzlichkeit und Freude spüren – Freude und Dankbarkeit dafür, dass wir hier sind und Musik für Menschen spielen, deren Probleme und existenzielle Sorgen zwar weitgehend aus den Schlagzeilen der internationalen Medien verschwunden sind, nicht aber aus ihrem Leben.

Ein Jahr beinhaltet  für uns auch die Wahrnehmung ganz unterschiedlicher Signale: während in Deutschland nach kurzer, heftiger Diskussion der Ausstieg aus der Atomkraft vom Zaun gebrochen wurde – wie immer bei solchen Dimensionen, ohne die Frage nach den Notwendigkeiten und Konsequenzen wirklich zu durchdenken – hat man in Japan den stilleren Weg gewählt. Am 5. Mai ist das letzte japanische AKW vom Netz genommen worden, wie es heißt, um Sicherheitsstandards zu überprüfen. Ob das eine endgültige Entscheidung sein wird, entscheiden die Präfekturen selbst. Niemand geht heute davon aus, dass Japan auf Kernkraft verzichten kann. Momentan versucht man Energie zu sparen – was den Japaner nicht davon abhält, auf den Autobahnparkplätzen während der Rast den Motor seines Wagens laufen zu lassen.

Miyako – für immer verwüstet?

Die unglaublichen Verwüstungen der kleinen Küstenstädte haben auch nur vorübergehend für die Vernunft gesorgt, die gefährdeten Bereiche doch vielleicht nicht noch einmal zu bebauen. Die meisten Überlebenden wollen zurück und auf der gleichen Stelle ihr Haus wieder haben. Da wird dann lieber eine 15 Meter hohe Schutzmauer zum Meer gebaut. Denn erschwerend kommt hinzu, dass durch das Erdbeben der Küstenstreifen nun ca. 1,50 bis 2 Meter tiefer im Meer liegt als zuvor.

絆 – Kizuna – das „Band der Freundschaft” zwischen Deutschland und Japan trägt, auf beiden Seiten immer wieder mit viel mehr als warmen Worten gespeist: deutsche Konzerne von Airbus, Allianz, Daimler, Siemens bis Züblin haben sich hier großzügig engagiert. Die Summe der Spenden ist enorm und dürfte in die Milliarden gehen. Selbst an den Sport ist gedacht: die FIFA schickt eine Bundestrainerin für den Aufbau von Frauen-Fußball. Wir haben sie hier kennen gelernt.

LSQ mit Tourbus und Dolmetscherinnen

Auch in diesem Jahr führt eine Benefiz-Tour des Leipziger Streichquartetts durch die von der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vom März 2011 gezeichneten Gebiete  der Tohoku-Region im Nordosten Japans. Möglich geworden ist diese Reise durch die großzügige Unterstützung von Airbus Deutschland. Ein Jahr nach der Katastrophe bleiben Fragen: Hat sich das Leben der Menschen einigermaßen normalisieren können? Kann man überhaupt über Normalität reden angesichts der Vielen, die Angehörige und Obdach verloren haben? Wird es uns gelingen, mit unserer Musik einige Minuten der Stille, des Ausatmens, der Entspannung und der Freude zu bringen? Am ersten Tag, dem 4. Mai 2012 brachen wir von Sendai in Richtung Ishinomaki auf, einer Stadt, die 50 Kilometer nordöstlich an der Küste liegt. 28.000 Häuser wurden hier vollstäbdig zerstört, über 3.000 Menschen kamen ums Leben. Nachdem wir durch die teilweise schon beräumten Areale des Ortes fuhren und uns dann bei einem ersten Stop in einem völlig verwüsteten Küstenabschnitt wiederfanden, waren die Erinnerungen des Vorjahres sofort wieder präsent und uns wurde schmerzlich bewusst, dass auch ein Jahr nach der Katastrophe noch unendlich viel zu tun bleibt.

Ein trauriges Detail: Viele Gebäude, die äußerlich intakt scheinen und von der Welle verschont blieben, stehen trotzdem leer, weil ihre Bewohner ums Leben kamen.

In der kleinen katholischen Kirche des Ortes spielten wir vor etwa 100 Zuhörern Haydns Streichquartett D-Dur op. 20/4 und das Streichquartett op. 44/1 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Den Dankesworten des anwesenden Gemeindepfarrers ließen wir noch ein für Streichquartett arrangiertes japanisches Volkslied folgen.

Nach dem Konzert wurden wir überaus freundlich mit selbstgekochtem Essen bewirtet, darunter eine uns neue, zur Jahreszeit passende Spezialität: Kirschblütenreis…

Unsere nächste Station war das 3 Stunden entfernte Hanamaki – hier werden wir über Nacht Station machen, um dann morgen früh zu weiteren Konzerten aufzubrechen.

Rückflug am 28.Juni

28. Juni 2011

Zurück ging es mit dem Airbus A 380 von Narita nach Frankfurt. Und wir hatten Gelegenheit, das Cockpit dieses Riesenvogels von innen zu bestaunen. Unser Flieger im Quartett, Stefan, durfte sogar bei der Landung vorn dabei sein. Wir freuen uns auf Leipzig!

Tag 6: Tokio

27. Juni 2011

…und er sah, dass es gut war. Deswegen ruhte der Herr schon am sechsten Tage. Jedenfalls am Morgen. Danach waren wir eingeladen, das Mori Art Center zu besuchen. Eine Ausstellung im wohl exklusivsten Wolkenkratzer der Stadt. Die Ausstellung „French Window“ hatte viel zu bieten: neben Videokunst, Installationen und Skulpturen auch gedankenverlorene Spiele in Bildform und Raumgestaltugen.

Nach ca. zwei Stunden hatten wir Gelegenheit, im Hotel die Resonanz unseres Tuns der vergangenen Tage in verschiedenen Medien zu betrachten: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Leipziger Volkszeitung, Berliner Tagesspiegel und natürlich japanische, deutsche TV-Kanäle wie NHK, ZDF, 3sat und lokale Stationen haben sich inzwischen unserer Sache angenommen. (http://www.3sat.de/page/?source=%2Fkulturzeit%2Fthemen%2F155222%2Findex.html)

Am Abend dann ein Abschlusskonzert im Goethe-Institut Tokio. Es war als Veranstaltungsort für die Residenz des Botschafters, Dr. Stanzel, eingesprungen. Dieser reist gerade mit dem japanischen Kronprinzen durch Europa. Noch einmal bewegte Zuhörer, Dankbarkeit und die dringende Bitte, schnell wieder zu kommen.

Eigentlich ist Hilfe doch so einfach. Um es mit Moses Mendelssohn zu sagen: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes Wollen, das Beste tun“ In diesem Sinne begeben wir uns – auch ein wenig zufrieden – auf die morgige Heimreise. Nicht für lange, denn bald führt unsere Reise wieder nach Japan. Wir wollen Anteil nehmen am Aufbau und mit unseren Freunden Musik erleben. Danke, Japan!

Als wir heute früh in Sendai abfuhren, wartete erneut ein Konzert an ungewöhnlichem Ort auf uns: der Abt des Shomioji-Tempels in Wataricho hatte uns eingeladen, bei ihm zu musizieren. Hauptsächlich für Betroffene einer der größeren Städte Japans.

Zuvor jedoch auf dem Weg dorthin wie leider so oft in den letzten Tagen wieder Bilder furchtbarer Zerstörung, diesmal in der Ortschaft Minamisoma, die direkt am Meer liegt. Man erklärte uns, dass die höchsten Spitzen der Welle in Teilen der Stadt hier eine Höhe von ungefähr 35 Metern erreicht hatten.

Dieses Gebiet konnte größtenteils noch nicht geräumt werden, und so bewegten wir  uns mit dem Bus im Schritttempo durch die Reste verlassener, unterspülter Straßen; der trostlose Anblick der völlig verwüsteten und mit Schlamm und angespültem Unrat bedeckten Häuser gab uns das beklemmende Gefühl, fast hautnah Zeuge der zurückliegenden Katastrophe zu sein.

Direkt am Meer trafen wir auch ein Kamerateam des ZDF welches an einem Beitrag über unsere Hilfsaktion für die Menschen in den Tsunami-Gebieten arbeitet und uns nach unseren Eindrücken zu den bisherigen Konzerten und Begegnungen befragte.

Später dann ging es zum Tempel nach Wataricho weiter, wo der Abt uns freundlich begrüßte, und – nachdem er uns ein wenig durch die Anlage mit seinem schönen Garten und den teilweise 700 Jahre alten Bäumen geführt hatte  – zu einer kleinen Teezeremonie einlud.

Schon während der folgenden Probe bemerkten wir trotz des Regens den großen Andrang des Publikums. Es war teilweise aus der weiteren Umgebung angereist. Und so war der stimmungsvolle Tempelraum beim anschließenden Konzert mit etwa 150 Besuchern dann auch übervoll.

Nach Mendelssohns Streichquartett op 13 und japanischen Volksliedern entließ uns das sichtlich bewegte Publikum erst, nachdem es sich noch zwei deutsche Lieder als Zugabe erklatscht hatte.

Nach etwa sechsstündiger Fahrt erreichten wir dann schließlich gegen 22:00 Uhr Tokio.

Die Deutsch-Japanische Gesellschft in Sendai dankte uns „als erster Gruppe ausländischer Künstler die das Krisengebiet musikalisch bereist hat“.

Man hört: sogar Lady Gaga arbeitet an einer Hilfsreise für Nord-Japan. Das ist doch mal was…