Tag 1: Kooriyama, Fukushima Prefecture

22. Juni 2011

Am Morgen der Abreise aus Tokio mussten zunächst viele Kisten in den Bus verstaut werden. Geschenke von Airbus, Haribo und anderen wurden so verpackt, dass sie an den Schulen schneller und ohne Aufhebens verteilt werden konnten. Schließlich sollte die Musik im Mittelpunkt unserer kurzen Besuche stehen!

Dann ging es drei Stunden mit dem Bus nach Norden. Richtung Kooriyama in der Provinz Fukushima.

Auf der Autobahn nur ca. 40 km vom havarierten AKW am Pazifik entfernt.

Zwei Konzerte mit Antonin Dvorak’s “Amerikanischem Streichquartett” (einem in Japan sehr bekanntem  Stück…) in zwei Schulen: einer Grund- und einer Mittelschule, zusammen fast zweitausend (2000!)  Kinder.

Das sind nüchterne Zahlen. Doch: welche Spannung in den schnell umgestalteten Turnhallen! Welche Ruhe während des Vortrages. In bewegenden Worten dankten Schüler und Lehrer, teilweise selbst von der Katastrophe betroffen, aufgenommen mit ihren Familien in den neuen Wohnorten. Große Dankbarkeit auch darüber, dass wir aus dem Ausland zu ihnen kommen. Gerade aus Deutschland, welches sich hier mit hysterischen Über-Reaktionen, unpassenden Belehrungen und Kommentaren in den vergangenen Wochen so manche Sympathie verspielt hat. Man merkt, dass die Menschen sehr wohl nicht nur materielle Hilfe brauchen, sondern vor allem Zuspruch und Verlässlichkeit.

Ganz allgemein beobachtet, geht hier jedoch das Leben fast wie gewohnt weiter. Nichts ist nach außen zu spüren von dem in unseren Medien beschriebenen Chaos. Das hatten wir schon im Mai erlebt: mal ist eine von 4 Rolltreppen ausgeschaltet oder die sonst üppige Reklame nach 22.00 Uhr gedimmt. Man reagiert gelassen und sehr verständnisvoll. Auch im Umgang miteinander! Die von uns als Geschenk mitgebrachten Mützen, Schlüsselbänder, Souvenirs und Süssigkeiten fanden bei den Mädchen und Jungen großen Gefallen. Die ganz Kleinen hatten ihrerseits ein paar Worte und sogar ein deutsches Volkslied einstudiert. Wir bedankten uns nach dem offiziellen Programm mit zwei japanischen Voklsliedern und der “Loreley” als Zugabe.

Während unserer vielen Konzertreisen hierher, einer seit 4 Jahren bestehenden Gastprofessur für Kammermusik an der Gedai-University of Arts in Tokio haben wir immer herzliche Aufnahme gefunden, verbinden uns mit Land und Leuten viele Freundschaften. Wir sind froh, nun auf der einen Seite ein von Herzen kommendes, musikalisches Zeichen  zurück zu geben. Aber auch, diese Freundschaften nicht nur bei schönem Wetter mit Leben erfüllen zu können. In diesem Sinne schauen wir gespannt voraus: wie wird der morgige Tag verlaufen, führt er uns doch  in die vom Tsunami am stärksten betroffenen Teile des Landes?

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